Pessoa mahnt

"Selbst wenn wir wissen, dass ein nie zustande kommendes Werk schlecht sein wird, ein nie begonnenes ist noch schlechter!"
Shhhhh - 7. Aug, 23:21

Klingt mir irgendwie nach Brecht...

Terpsichore - 9. Aug, 07:56

Stimmt. Es ist auch

ein linker Gedanke, und ein radikaler, weil er nicht das Ergebnis selbst sondern das Handeln in den Vordergrund stellt.
HARFIM - 7. Aug, 23:59

Wenn wir wissen,

dass ein zustande gekommenes Werk gut ist und gelungen, ist dies das allerschlechteste Ergebnis, was denkbar ist, wenn niemand weiter diese Erkenntnis mit uns teilt:-)

Terpsichore - 9. Aug, 07:49

Das hängt, glaube ich,

sehr von der Persönlichkeit ab. Ich kann mir vorstellen, dass es umgekehrt schlimmer wäre: einen Erfolg und einen Ruhm zu haben, aber tief innen zu wissen, dass es nicht gut ist, was man geleistet hat, dass man gelogen, getäuscht, geblendet hat, unterhalb seiner Möglichkeiten geblieben ist etc...

Ich habe gestern den Film "Der Fall Wilhelm Reich" gesehen. Dieser Mann hat bis zu seinem Lebensende nichts als Spott, Zweifel und sogar Verfolgung erlitten, er selbst glaubte aber unablässig daran, dass sein Werk gut war. Haben wir dieses Wissen, dann ist es ein Leuchtturm: Es erhellt uns und lässt uns völlig unabhängig davon sein, wie die WELT darüber urteilt. Suchen wir allerdings zuallererst nach Bestätigung von Außen mit dem was wir tun, dann wird kein äußerer Beifall uns jemals genügen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich schreibe. ;-)

Ich lese diesen Satz von Pessoa so. Er schrieb von der Angst, nicht anerkannt zu werden, noch bevor man damit begonnen hat, etwas zu tun. Von der Angst, sein Innerstes nach Außen zu kehren und sich dem Urteil der Welt auszusetzen. Gegen diese Angst wirkt nur noch eine andere Angst mächtiger: die, so feige zu sein, dass man gar nicht erst beginnt und somit Nichts erschafft und Nichts bleibt.
HARFIM - 9. Aug, 11:18

Der schöpferische (Selbst)zweifel?

Wenn man vorgibt, nur noch der einzige "Richter" über das eigene Werk sein zu wollen, kann man ja konsequent gleich für die Schublade schreiben zum Beispiel, wenn es um das Schreiben geht.
Aber das tut doch kaum einer.
Man kann sich auch einen Nachruhm einreden.
Pessoa aber ging es also auch darum, anerkannt zu werden.
Ich glaube, ein amerikanischer Autor sagte mal, man braucht genau sieben Leser - das reicht :-)
Wie es ist, erfolgreich zu sein und mit sich selbst unzufrieden ganz tief innen, weiß ich nicht. Ich kann es mir bei diesen Schlagersängern vorstellen, die vierzig Jahre lang dasselbe Liedchen trällern.
Ein instinktive Scheu vor Erfolg kenne ich. Sogar in anderen Bereichen als in der Kreativität.

Vielleicht sollte man Leuten, die wie Pessoa in Hemmungen befangen sind, raten,wirklich nur für die Schublade zu schreiben, und das Werk niemanden zu zeigen. Smile, sollte es wider Erwarten doch dem eigenen Urteil genügen, kann man ja immer noch...

Man kann auch einen guten Freund bitten, wenn man denn das Zeitliche gesegnet hat, alles zu verbrennen, was noch so da ist.
Terpsichore - 19. Aug, 07:51

Nun,

dieses "nur noch", wie Sie schreiben, gibt es eben nicht für Pessoa. Der innere Kritiker ist nicht die letzte Instanz, die übrig bleibt nachdem alle Welt befragt worden ist, sondern die erste. Sie steht vor allem, und stellt sich somit auch vor den schöpferischen Prozess. Das einzige, womit man ihr begegnen kann, ist die Einsicht, dass ein leeres Blatt schlechter ist als ein schlechter Text.
Nicht nur Dichter, auch Philosophen kannten und kennen dieses Problem. Zizek beschreibt in einem Interview, dass er niemals ein Buch schreiben könnte, wenn er es wollen würde. Also sagt er sich: "Ich notiere nur mal eben einen Gedanken." Er weiß, dass er sich selbst überlisten muss, und es klappt gut. Seine Bücher sind übrigens sehr erfolgreich.
Talakallea Thymon - 21. Aug, 11:51

Si tacuisses philosophus mansisses.

Ich glaube, Pessoa hat unrecht. Ein peinlicher Text ist viel schlimmer als gar keiner.

Terpsichore - 22. Aug, 09:56

Vielleicht ist das so.

Vielleicht kommt es bei einer Entscheidung darüber aber auch nur darauf an, ob man als Schriftsteller (oder Philosoph) gelten möchte, oder ob man werden möchte, der man ist.
Ich folge hier Sartre, für den sich in der Scham das „Für-andere-Sein“ als Selbstentfremdung bzw.Verdinglichung zeigt. Schreiben als konflikthafte Begegnung des "Ich werde" mit "Ich sollte sein".

Nachtrag:
Ich habe soeben in Ihrem Blog gelesen, konnte dort nicht ohne Anmeldung kommentieren, deshalb schreib ich Ihnen hier: Ich bin nun ganz abgelenkt von meiner Arbeit, will nur noch lesen, lesen und mich berauschen an der Sinnlichkeit, die Ihre Worte verströmen...kaum zu glauben, dass so ein Mann schreibt, ich bin zutiefst beunruhigt!
...und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.
DANKE!


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