VERSuchtVERS

Schlaflos

Es ist drei Uhr morgens. Ich hatte einen Traum, der war ganz leer. Es kam niemand darin vor. Nicht einmal du.

Ich konnte in die schwarze Nacht sehen. Sie ist atemberaubend schön, soviel kann ich sagen.

Zuflucht

In meinem Herzen nisten die Männer
wie hungrige Löwen vor den Toren
einer gottverlassenen Stadt.

Schleierhaft

Ich ziehe meine Liebe hinter mir her wie eine Braut ihren Schleier, den sie nicht abnimmt
seit dem Tag ihrer Hochzeit, welche nie stattfand.

Hinter mir welken die Jahre.

Stakkato

Arbeit.
Arbeit.
.
.
Wunsch:
Aussteigen,
Veränderung,
Weggehen.
Stark.
Plötzlich:
Drei freie Tage.
Verwunderung.
Ich registriere:
Unermessliche Weite.
Reflexhafte Möglichkeiten.
Der Neokortex als Schnellkochtopf.
Eine Wespe fliegt durchs Zimmer.
Dann: Die Festsetzung.
Klick.
AB8762
Wien
Mitnehmen:
Schuhe
Konzertkleid
Noten
Lockenwickler
Dann: die Aussetzung.
Bitte nicht Anschnallen.
Während des Fluges
Ausstieg links.
Ich registriere:
F41.0
Im freien Fall
Flügelwuchs.
.
.
Leben.
Leben!

Was am Ende lieben bleibt

Als ich heute morgen ein Liebesgedicht
für dich schrieb,
musste ich die Schrift größer einstellen,
und ängstlich klopfte mir die Frage ans Herz,
ob du mich auch dann noch...
auch dann noch lieben wirst,
wenn meine Hände zittern, während sie dir
übers Haar streichen, und ich am Bildschirm
fertig1

Die große Verkündung

(Ursprünglich von hier nun nach hier geholt.)


Thermodynamische Absurdität
in einem bis eintausend Akten.


Personen:
ANH ... Denker u. Dichter
Diadorim... Suchende Dichterin und Denkerin
Parallalie... Dichter u. Denker
Condor: ein Wissender


Condor
tritt auf und blickt sich um

ANH, DIADORIM, PARALLALIE u.a.
sitzen schreibend unter den Bäumen und sind in
stillen Gesprächen miteinander versunken.


Condor
Zieht sich eine Kutte über und Sandalen an die Füße,
holt ein Megafon aus seinem Rucksack und brüllt hinein:

„Alle mal herhören. Ab heute ist hier Schluss mit lustig. Die Menschheit
hat lange genug in der Bedeutungslosigkeit gelebt. Dagegen hab ich jetzt
ein Rezept. Die ultimative Formel für...
Es geht um .... äh...... (Faltet ein Blatt auseinander)

ANH
blickt genervt von seinen
Bamberger Elegien auf
„Wer stört uns hier in der Kontemplation?“

Condor
„Ich hab genau verstanden, was Sie gefragt haben, aber es ist nicht von Belang. Sowieso kann man, wenn man genau hinschaut, erkennen, dass bereits früher nichts von Belang war. Genaugenommen ist die ganze Evolution bis hierher ein einziger belangloser Vorgang. Ein belangloser Irrtum sozusagen. Sie alle und Ihre Dichtungen inbegriffen.

Diadorim:
"Aber mein Arm schmerzt, und ich spüre mein Herz klopfen. Was ist damit?"

Condor:
Thermodynamik. Nichts als Thermodynamik. Da ist ein kleiner Gärungsprozess im Gang. Mehr nicht. Das Herz. Hahaha. 5,7 Hertz. Mehr ist das nicht. Da müssen Sie nicht so ein Geschrei machen.

Diadorim: schweigt betreten.

Parallalie: rezitiert leise
„Wald
in dem
ich ging
für mich
so hin...“


Condor
tippt sich an den Kopf
"Da haben wirs. Die totale Verirrung des Menschen.
Wem soll man jetzt den Vorwurf machen? Der Physik? Oder vielleicht einer Bande von Halbaffen, die da die Revolution ausgerufen haben?"

Parallalie
schüchtern:
Goethe. Sein Name war Goethe.

Condor
"Wollen Sie mich belehren? Ich habe Goethe studiert. Ich habe ihn analysiert, infiltriert, destilliert und spontifiziert. Mit einem einzigen Ergebnis: Der Belanglosigkeit."

Parallalie
"Oh."

Condor
"Goethe war ein Schwachkopf. Wie Newton Joyce auch. Überschätzt. Alle miteinander. Haben alle nicht begriffen, dass die physikalischen Erkenntnisbewegungen nun einfach mal eine ganze Ecke vorgerückt sind. Und was da passiert ist. Und wie es passiert ist. Und warum es passiert ist. Nichts haben die begriffen. Überhaupt nichts. Das gehört aufgearbeitet. Und eingeordnet in eine neue Welt – und... ähm....
schaut auf seinen Zettel
...prozessbegleitende Gesamtverständigung. Aber dafür bin ich ja jetzt da."
(will Parallalie seinen Goetheband entreißen.)
"So, und das geben wir jetzt mal dem guten Onkel. Her damit!"

Parallalie

klammert sich an sein Heft
"Halten Sie ein, das ist doch Dichtung."

Condor
"Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Minzgeschmack. Nichts als Minzgeschmack. Geklagte Ausscheidungen. Tschüss Goethe und Danke."

Parallalie
Gibt ihm traurig das Heft.

Diadorim leise zu ANH:
"Nun unternehmen Sie doch etwas."

Condor:
"Das hab ich genau gehört! Aber wahrlich, ich sage Ihnen:
Wer dynamisiert, und sagt: "Ich unternehme." - der partizipiert, und prosperiert, in dem er seinen Ort in einer Strömung behauptet, der jederzeit von jemanden Anderen eingenommen werden könnte. Dieser Ort aber ist ein Futterort!"

ANH:
"Ich hab Hunger. Könnten Sie sich ein wenig beeilen mit Ihrer Verkündigung?"

Condor:
"Also hören Sie mal, solange Sie sich von dieser Mechanik nicht emanzipieren können, werden Sie nicht erwachsen."

ANH:
dessen Magen mittlerweile hörbar knurrt
"Natürlich. Verzeihung. Fahren Sie fort."

Condor
"Ich verfolge die Kunst, so zu sprechen, dass niemand was damit anfangen kann. Das ist aber genau die Kunst. Genau so zu reden, dass niemand etwas damit anfangen kann. Das selbst noch ein Missverständnis ausgeschlossen ist."

Diadorim:
"Sie meinen, man muss nicht nur nichts zu sagen haben, sondern auch sehr unfähig sein, dieses auszudrücken?"

Condor
Keine Frage. Darum geht es nicht. Ebensowenig wie um alles Andere.
(zieht eine kleine Figur aus dem Rucksack und spuckt drauf, reibt dann
mit dem Taschentuch daran herum.)


ANH:
"Aber, das ist ja ein... Nobelpreis. Wann haben Sie den denn bekommen?"

Condor:
"Wissen Sie, Vergangenheit oder Zukunft, das spielt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten eigentlich keine Rolle. Ich hab ihn schon, oder ich hab ihn nicht. Popper und Weizäcker haben sich immer aus der Affäre gezogen. Und Mandelstam hatte einfach Pech, dass er Jude war. Ich hingegen könnte Ihnen den Weg in die nächste Reflexionsmenge aufzeigen."

Diodorim:
"Igel retten wäre mir persönlich jetzt wichtiger."

ANH:
"Ich hab Hunger."

Parallalie:
quengelt
"Ich will mein Buch zurück."

Condor:
Stellt den Nobelpreis, ein kleines goldenes Kalb, in die Mitte, und
tanzt drum herum. Singt:

"Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich ....."
Unterbricht und schaut fragend zu ANH, der mittlerweile an einem Grashalm
kaut.

„Ahm... Wie war nochmal mein Name?“


Ende des 1. Aktes

Abgeflaggt

Dramolett in einem Akt von
hier nach hier.

Personen:
Diadorim (dramatischer Sopran)
Terpsichore (Statistin)
Anna Häusler (eine Magd)
Herr Reichenbach (stumme Rolle)

Diadorim (trällernd...)„Ich trage eine Fahne, und diese Fahne ist hoch.
So hoch, dass keiner mehr rankommt, lallallla
Sollen die da unten sich doch strecken. ...
lallalllallla... „

Terpsichore
„Sie halten Ihre Flagge aber auch hoch.
Da kann ja keine Sau was drauf erkennen.
Oder doch... warten Sie!“ (holt sich eine Leiter)

„Ähm, da scheint was draufzustehn.!“

Diadorim: rauft sich die Haare.
„Natürlich, Sie dummes Stück, lesen Sie doch einfach...“
(hebt die Fahne unmerklich noch ein Stück höher)

Terpsichore
„Halten Sie doch mal ein bischen tiefer!
Ja, so! (Na also. Geht doch.)
Also, ich lese da ein Äff.
Geht es noch ein wenig tiefer, bitte? Danke.

Äff....... Errr.......

Diadorim: rollt mit den Augen

Terpsichore:
„Oh man ist das kleingedruckt. Da bekomm ich
ja nen Augenschaden.
Das dritte könnte ein U sein.
Fruuuuuuu...ssssss

Diadorim: (rollt schnell ihre Fahne ein und trollt sich)
zu sich: „Puh, das ist gerade noch mal gutgegangen!“

Terpsichore,
hinterdrein Herr Reichenbach und
Frau Häusler

alle rufend und winkend:
„Waaaaarten Sieeeeeeeeee.... die Löööööööösung!
Wir brauchen die Lööööööööösung! Erlöööööööööööösen Sie uns...!“

Terpsichore
heult
„Oh man, jetzt war ich so nah dran und wieder wars nichts.

Anna Häusler: (nimmt T. tröstend in den Arm)„Macht doch nichts. Die kommt bestimmt wieder.“

Paul Reichenbach:„Hm...“

Liebesversuchsgedicht

Ein Gott hat uns die Sprachen verwirrt.
Unsere Herzen - zwei Türme von Babel.
Im Telefon auf dem Nachtschränkchen
wartet - eingeschlossen - die Liebe.

Traumsequenz II

In den Bäumen bluten Herzen
wie zum Trocknen aufgehängte Hemden.
Wem die wohl gehören.

Unter dem Tritt meiner nackten
Füße färbt sich das Nadelbett
rot.

Erschöpft bringt mir das Echo
deinen Namen zurück.

Da stolpert mein Herz,
reißt auf und bleibt hängen
am Zweig.

Flüchtig

du hast das Herztier
aufgeschreckt - wir
fliehn um unser
Leben und blicken
nicht zurück – schon
wächst aus uns
der Stein

in den Katakomben deiner Seele
verhallen unsere Schritte


BEITRÄGE

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"Car JE est un autre." (Lettre de la clairvoyance)
il re di nevrosi (Gast) - 6. Sep, 14:55
Vielleicht ist das so....
Vielleicht ist das so. Vielleicht kommt es bei einer...
Terpsichore - 22. Aug, 10:22


Das Weblog TERPSICHORE wird vom Deutschen Literaturarchiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreibende erklären sich einverstanden.


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