Die Andere

Wir trafen uns wieder im Sommer 2010. Zweimal hatten sich inzwischen die Blätter gefärbt. Zweimal hatte der Winter das kleine Städtchen unter dem Schnee begraben, und zweimal war dieser wieder geschmolzen und hatte den kleinen Fluss bedrohlich anschwellen lassen. Jetzt hatte die Stadt den heißesten Sommer seit 15 Jahren.
Sie trug ein luftiges Kleid und hatte das dunkle Haar zu einem Knoten geschlungen, den eine feine Perlmutspange hielt. Als sie mir die Hand gab, umschloß ich vorsichtig ihre Finger, die sehr dünn geworden waren. Ich suchte in ihrem leicht bronzegetönten Gesicht nach neuen Spuren der Zeit, die bei mir selbst so gut angetan waren Panik auszulösen. Aber ihre Haut spannte sich straff über die Jochbögen, und als sie mich anlächelte dachte ich dass sie nicht älter sondern jünger geworden war. Waren mir ihre Gesichtszüge früher herb erschienen, so hatte ich jetzt den Eindruck, dass eine ruhigere, sehr sanfte Art sich zu bewegen und zu sprechen ihrer Erscheinung jene Sinnlichkeit gaben, die sonst eher rundlicheren Körpern vorbehalten ist. Sie hingegen war schlank. Sehr schlank war sie geworden. Und während ich noch damit beschäftigt war, mir das Fremde an ihr vertraut zu machen, legte sie mir mit der tiefsten Dunkelheit ihrer Augen den Blick ins Gesicht.
Die Erkenntnis traf mich mit der ganzen Härte einer Wahrheit, die so und nicht anders hinzunehmen ist, und die nie wieder eine andere sein kann. Sie war erwachsen geworden.

Streitkultur

ist eine Kultur, die nicht jedermann beherrscht. Verfolge ich die aktuelle Diskussion der letzten Wochen in meinen bevorzugten Blogs, sträubt sich alles in mir, daran teilzunehmen. Sehnsüchtig, fast ein wehmütig denke ich an alte Zeiten zurück, in denen dort zwar schon heftig, aber immer auch respektvoll die Klingen gekreuzt wurden. Vor allem aber ging es um inhaltliche Auseinandersetzungen, welche schon auch mal zu persönlichen Seitenhieben verleiten konnten, aber niemals diesen hochneurotischen, verletzenden Angriffston hatten, welcher zum Teil nur noch über eine Person, meist belehrend zu ihr, kaum jedoch noch mit ihr spricht. Warum das so ist, und wie solche kommunikationstechnischen Dynamiken entstehen, darüber denke ich nach. Vor allem aber rette ich ein paar Schätze aus alten Zeiten hier herüber. Blogtheater heißt die Rubrik, die ich heute eröffne, und vielleicht kommen demnächst ein paar neue Dramen hinzu. Stoff gäbe es jedenfalls genug.

Die große Verkündung

(Ursprünglich von hier nun nach hier geholt.)


Thermodynamische Absurdität
in einem bis eintausend Akten.


Personen:
ANH ... Denker u. Dichter
Diadorim... Suchende Dichterin und Denkerin
Parallalie... Dichter u. Denker
Condor: ein Wissender


Condor
tritt auf und blickt sich um

ANH, DIADORIM, PARALLALIE u.a.
sitzen schreibend unter den Bäumen und sind in
stillen Gesprächen miteinander versunken.


Condor
Zieht sich eine Kutte über und Sandalen an die Füße,
holt ein Megafon aus seinem Rucksack und brüllt hinein:

„Alle mal herhören. Ab heute ist hier Schluss mit lustig. Die Menschheit
hat lange genug in der Bedeutungslosigkeit gelebt. Dagegen hab ich jetzt
ein Rezept. Die ultimative Formel für...
Es geht um .... äh...... (Faltet ein Blatt auseinander)

ANH
blickt genervt von seinen
Bamberger Elegien auf
„Wer stört uns hier in der Kontemplation?“

Condor
„Ich hab genau verstanden, was Sie gefragt haben, aber es ist nicht von Belang. Sowieso kann man, wenn man genau hinschaut, erkennen, dass bereits früher nichts von Belang war. Genaugenommen ist die ganze Evolution bis hierher ein einziger belangloser Vorgang. Ein belangloser Irrtum sozusagen. Sie alle und Ihre Dichtungen inbegriffen.

Diadorim:
"Aber mein Arm schmerzt, und ich spüre mein Herz klopfen. Was ist damit?"

Condor:
Thermodynamik. Nichts als Thermodynamik. Da ist ein kleiner Gärungsprozess im Gang. Mehr nicht. Das Herz. Hahaha. 5,7 Hertz. Mehr ist das nicht. Da müssen Sie nicht so ein Geschrei machen.

Diadorim: schweigt betreten.

Parallalie: rezitiert leise
„Wald
in dem
ich ging
für mich
so hin...“


Condor
tippt sich an den Kopf
"Da haben wirs. Die totale Verirrung des Menschen.
Wem soll man jetzt den Vorwurf machen? Der Physik? Oder vielleicht einer Bande von Halbaffen, die da die Revolution ausgerufen haben?"

Parallalie
schüchtern:
Goethe. Sein Name war Goethe.

Condor
"Wollen Sie mich belehren? Ich habe Goethe studiert. Ich habe ihn analysiert, infiltriert, destilliert und spontifiziert. Mit einem einzigen Ergebnis: Der Belanglosigkeit."

Parallalie
"Oh."

Condor
"Goethe war ein Schwachkopf. Wie Newton Joyce auch. Überschätzt. Alle miteinander. Haben alle nicht begriffen, dass die physikalischen Erkenntnisbewegungen nun einfach mal eine ganze Ecke vorgerückt sind. Und was da passiert ist. Und wie es passiert ist. Und warum es passiert ist. Nichts haben die begriffen. Überhaupt nichts. Das gehört aufgearbeitet. Und eingeordnet in eine neue Welt – und... ähm....
schaut auf seinen Zettel
...prozessbegleitende Gesamtverständigung. Aber dafür bin ich ja jetzt da."
(will Parallalie seinen Goetheband entreißen.)
"So, und das geben wir jetzt mal dem guten Onkel. Her damit!"

Parallalie

klammert sich an sein Heft
"Halten Sie ein, das ist doch Dichtung."

Condor
"Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Minzgeschmack. Nichts als Minzgeschmack. Geklagte Ausscheidungen. Tschüss Goethe und Danke."

Parallalie
Gibt ihm traurig das Heft.

Diadorim leise zu ANH:
"Nun unternehmen Sie doch etwas."

Condor:
"Das hab ich genau gehört! Aber wahrlich, ich sage Ihnen:
Wer dynamisiert, und sagt: "Ich unternehme." - der partizipiert, und prosperiert, in dem er seinen Ort in einer Strömung behauptet, der jederzeit von jemanden Anderen eingenommen werden könnte. Dieser Ort aber ist ein Futterort!"

ANH:
"Ich hab Hunger. Könnten Sie sich ein wenig beeilen mit Ihrer Verkündigung?"

Condor:
"Also hören Sie mal, solange Sie sich von dieser Mechanik nicht emanzipieren können, werden Sie nicht erwachsen."

ANH:
dessen Magen mittlerweile hörbar knurrt
"Natürlich. Verzeihung. Fahren Sie fort."

Condor
"Ich verfolge die Kunst, so zu sprechen, dass niemand was damit anfangen kann. Das ist aber genau die Kunst. Genau so zu reden, dass niemand etwas damit anfangen kann. Das selbst noch ein Missverständnis ausgeschlossen ist."

Diadorim:
"Sie meinen, man muss nicht nur nichts zu sagen haben, sondern auch sehr unfähig sein, dieses auszudrücken?"

Condor
Keine Frage. Darum geht es nicht. Ebensowenig wie um alles Andere.
(zieht eine kleine Figur aus dem Rucksack und spuckt drauf, reibt dann
mit dem Taschentuch daran herum.)


ANH:
"Aber, das ist ja ein... Nobelpreis. Wann haben Sie den denn bekommen?"

Condor:
"Wissen Sie, Vergangenheit oder Zukunft, das spielt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten eigentlich keine Rolle. Ich hab ihn schon, oder ich hab ihn nicht. Popper und Weizäcker haben sich immer aus der Affäre gezogen. Und Mandelstam hatte einfach Pech, dass er Jude war. Ich hingegen könnte Ihnen den Weg in die nächste Reflexionsmenge aufzeigen."

Diodorim:
"Igel retten wäre mir persönlich jetzt wichtiger."

ANH:
"Ich hab Hunger."

Parallalie:
quengelt
"Ich will mein Buch zurück."

Condor:
Stellt den Nobelpreis, ein kleines goldenes Kalb, in die Mitte, und
tanzt drum herum. Singt:

"Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich ....."
Unterbricht und schaut fragend zu ANH, der mittlerweile an einem Grashalm
kaut.

„Ahm... Wie war nochmal mein Name?“


Ende des 1. Aktes

Abgeflaggt

Dramolett in einem Akt von
hier nach hier.

Personen:
Diadorim (dramatischer Sopran)
Terpsichore (Statistin)
Anna Häusler (eine Magd)
Herr Reichenbach (stumme Rolle)

Diadorim (trällernd...)„Ich trage eine Fahne, und diese Fahne ist hoch.
So hoch, dass keiner mehr rankommt, lallallla
Sollen die da unten sich doch strecken. ...
lallalllallla... „

Terpsichore
„Sie halten Ihre Flagge aber auch hoch.
Da kann ja keine Sau was drauf erkennen.
Oder doch... warten Sie!“ (holt sich eine Leiter)

„Ähm, da scheint was draufzustehn.!“

Diadorim: rauft sich die Haare.
„Natürlich, Sie dummes Stück, lesen Sie doch einfach...“
(hebt die Fahne unmerklich noch ein Stück höher)

Terpsichore
„Halten Sie doch mal ein bischen tiefer!
Ja, so! (Na also. Geht doch.)
Also, ich lese da ein Äff.
Geht es noch ein wenig tiefer, bitte? Danke.

Äff....... Errr.......

Diadorim: rollt mit den Augen

Terpsichore:
„Oh man ist das kleingedruckt. Da bekomm ich
ja nen Augenschaden.
Das dritte könnte ein U sein.
Fruuuuuuu...ssssss

Diadorim: (rollt schnell ihre Fahne ein und trollt sich)
zu sich: „Puh, das ist gerade noch mal gutgegangen!“

Terpsichore,
hinterdrein Herr Reichenbach und
Frau Häusler

alle rufend und winkend:
„Waaaaarten Sieeeeeeeeee.... die Löööööööösung!
Wir brauchen die Lööööööööösung! Erlöööööööööööösen Sie uns...!“

Terpsichore
heult
„Oh man, jetzt war ich so nah dran und wieder wars nichts.

Anna Häusler: (nimmt T. tröstend in den Arm)„Macht doch nichts. Die kommt bestimmt wieder.“

Paul Reichenbach:„Hm...“


BEITRÄGE

Die Andere
Wir sind viele und...
Terpsichore - 29. Nov, 10:28
...
So, what would Wittgenstein...
Terpsichore - 17. Jan, 09:39
"Lettre du voyant" muss...
"Lettre du voyant" muss es richtig heißen. Die verflixten...
il re di nevrosi (Gast) - 6. Sep, 19:30
Rimbaud
"Car JE est un autre." (Lettre de la clairvoyance)
il re di nevrosi (Gast) - 6. Sep, 14:55
Vielleicht ist das so....
Vielleicht ist das so. Vielleicht kommt es bei einer...
Terpsichore - 22. Aug, 10:22


Das Weblog TERPSICHORE wird vom Deutschen Literaturarchiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreibende erklären sich einverstanden.


IMG_1469

Comments

Aha,
help
Vielen lieben Dank, aber...
help

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