Dienstag, 10. November 2009

Trauerfeier

Das Blondlockenschaf
führt ein Mikrofon ans Maul als wolle
es sich in den Hals stecken.
Ich hoffe auf Selbstmord. Die Hoffnung
stirbt zuerst.
Freudengejaul aus Schafsmäulern,
angewachsen an Schafshälsen.
Tausende. Unzählige.
Die Musik ist zur Hure des Abends bestellt.
Fünf Kastraten vergewaltigen
ein Hohelied, ihre Gurgellaute brechen
sich am Mauerkonstrukt, das muss selbst
einen Stein erweichen, das schreit zum Himmel.
Der hat dann auch geweint.

Montag, 26. Oktober 2009

restauration

du meine angst
die ich bei mir trage
wie eine in fetzen
hängende bettjacke
du geprügeltes kind
meiner kindheit und
daraus erwachsener
zeit - komm!
ich näh dir den
knopf wieder an

Sonntag, 25. Oktober 2009

Zuhause

Der Herbst war ihr die liebste Jahreszeit. Die Straßenmenschen wurden langsamer in ihren Bewegungen. Wenn sie in ihre Gesichter sah, schauten sie zurück. Manche mit suchendem, andere mit wissendem Blick, nie aber hastig. Die Kälte schien die Menschen einzufrieren in ihrem hektischen Gang. Warme Wollsachen, Schals und Mützen durften aus den muffigen Schränken in die frischkalte Luft und hingen nun dankbar wärmend an älteren Menschen.
Die Jugend stand noch mit offenen Krägen in kleinen Grüppchen unter den Abendlaternen und wollte das Sommerlachen festhalten.

Sie lief durch die Straßen ihres herbstbunten Städtchens und lud den Frost in ihr Gesicht ein. Sollte er sich ruhig festbeißen bis sie nach Hause kommen würde, wo das das Feuer eine angenehme Wärme verbreitete und ihn freundlich aber bestimmt verdrängen würde.
Nach Hause. Sie sprach in Gedanken diese Worte und versuchte ihre Bedeutung zu erfassen. Wann ist man zu Hause. An der Giebelwand ihres Hauses stand in großen Buchstaben: "Zu Hause ist wo man hingeht, wenn einem die Orte ausgegangen sind." Barbara Stanwick. Wahrscheinlich war sie viel gereist, diese Barbara.
Sie selbst hatte noch nicht allzuviel von der Welt gesehen. Trotzdem waren ihr beizeiten die Orte ausgegangen. Sie zog von Ort zu Ort, schlug überall sofort Wurzeln und wollte sogleich wieder weg. Irgendwann hatte sie bemerkt, dass es keinen Sinn machte, hin und her zu ziehen. Man musste sich ja selbst immer mitnehmen. Sie war immer ihr eigener Koffer gewesen. Ihr schwerstes Gepäckstück, welches sie immer und überall mit sich herumschleppte. Nie hatte sie es geschafft, sich ihrer zu entledigen. So sehr sie sich auch bemühte, und so weit sie auch reiste. Sie hing fest an sich dran. Fast wäre sie im letzten Jahr wieder umgezogen. Da kam ihr die rettende Idee, sich doch bei sich zu behalten und einen angemessen Platz für sich zu finden, in sich selbst. Vielleicht würde sie auf diese Weise bleiben können. Das Städtchen in welchem sie wohnte gefiel ihr nämlich ausnehmend gut, und nachdem keine Großstadt mehr übrig war, in welcher sie nicht schon gewohnt hätte, bekam sie allmählich das Gefühl, dass ihr die Orte ausgingen.
Vielleicht ist es ja das, was man Zuhause nennt, dachte sie. Der Ort, an dem man mit sich selbst sein konnte.

Montag, 19. Oktober 2009

Warten

Zur Zeit nur Arbeit. Keine Zeit zum Schreiben. Auch die Buchmesse musste ausfallen, worüber ich sehr traurig war. Nächste Woche wird ein wenig Luft sein. Dann kann geerntet werden, was innerlich schon wieder reif ist. Solange muss es noch warten, und ich auch.

Freitag, 9. Oktober 2009

Die Verkündung

findet heute hier >>>>>> statt.

Sonntag, 4. Oktober 2009

Was ist geblieben.

Wiedervereinigung. Klingt irgendwie soviel besser als "Anschluss ans Reich" und bietet Gelegenheit, darüber nachzudenken, was eigentlich geblieben ist von den damaligen Zielen. Damals sind Menschen auf die Straße gegangen und haben nicht weniger als ihr Leben riskiert, weil sie eine Vision hatten. Eine Veränderung der Gesellschaft dahin, dass es mehr Glück gibt für den Einzelnen, mehr Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Gedankenfreiheit. Das waren Begriffe, die später schnell abgelöst wurden durch Bananen, D-Mark und Reisen. Das muss man sich einmal klar machen, dass da etwas untergangen ist, worin wirklich eine große Chance gelegen hat. Es ist schon klar, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Aber das große Fressen ist vorüber. Und jetzt? Nichts mehr. Der Mensch bleibt Konsument. Hauptberuflich. Hauptsächlich. Daneben kann er schon ein wenig individuell sein. Hauptsäche er reist, kauft ein und fährt Auto. Möglichst Hausmarke. Und vorausgesetzt, er hat einen Arbeitsplatz.
Fürs Überleben ist gesorgt. Und weil alle Menschen gleich sind, gibts dafür eine Pauschale. So hat keiner mehr als der andere. Da haben wir sie, die soziale Gerechtigkeit. Falls jemand daran zweifelt. Dass Arbeit ein Grundbedürfnis und der Mensch zuerst ein soziales Wesen ist, dass er sich erst individuell entwickeln kann im sozialen und ökonomischen Schutz einer Gemeinschaft, darüber denkt man nicht mehr nach. Die Kunst ist frei, der Künstler noch freier. So frei, dass er sich selbst überlassen bleibt. Eine große Einsamkeit liegt heute im Künstlersein.
Gestern kam im Radio ein Interview mit Konwitschny, der gerade Luigi Nono "Al gran sole carico d'amore", inszeniert, die bereits 2004 in Hannover lief. Damals war ich dort bei den Proben dabei und fand dieses Stück im Westen irgendwie deplaziert. Ich sprach den Menschen dort ab, Utopien wie diese verstehen zu können. Aber es hatte großen Erfolgt sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik, weil man verstand, was man hätte haben können. Al gran sole carico d'amore, Unter der großen Sonne von Liebe beladen. Eine Verbeugung vor all jenen, die diese Gesellschaft verändern wollten dahingehend, dass der Mensch glücklicher wird, indem diese riesigen Unterschiede beseitigt werden zwischen arm und reich. Ein kommunistisches Stück im besten Sinn. Und man kann sich fragen, warum dies gerade jetzt im Oktober inszeniert wird in Leipzig, wo der Ursprung jener sogenannten Revolution lag, die letzten Endes gar keine mehr war.
Weshalb auch die ganzen Sendungen im Fernsehen zum Jahrestag in ihrer Sentimentalität und Tränendrüsendrückerei für mich reine Folklore sind. Die große Freiheit ist wieder in weite Ferne gerückt.
Wir sind noch mit dem großen Fressen beschäftigt. So sehr, dass wir nicht einmal bemerken, dass wir seit 2 Jahren wieder im Krieg sind.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Veränderung

...
die du dir
wünschst
sei selbst
der welt

Samstag, 26. September 2009

Vermutung

Was weiß denn ich
was der Käfer weiß
über sich selbst
wenn er langsam durch
das Kartoffelfeld kriecht.

Vermutlich weiß er
mehr über mich
als über sich selbst
wenn ich ihm ein
Bein rausreiße.

So wie auch ich
mehr über dich weiß
als über mich selbst
wenn du mich
in deine Hände nimmst.

Ich werde durch mich
über mich überhaupt
nichts erfahren.
Morgen werde ich den
einbeinigen Käfer befragen.

Das Unaussprechliche

Die Tür fällt ins Schloß.
Stille. Sie bemerkt, eine lange Leere ist mit ihr in diesem Zimmer. Irgendwann kommt die Zeit zurück und tritt gleichsam in ihr Bewußtsein. Dann der Moment, in welchem sie wieder zu atmen beginnt. Zeit und Atem gehören zusammen, bemerkt sie. Sie nimmt wahr, daß sich ihr Körper in diesem Zimmer, auf diesem Bett befindet. Sie muß also am Leben sein. Sie ist sich nicht sicher. Die Zeit füllt jetzt den ganzen Raum und nimmt den Platz dessen ein, der gegangen ist.

Die Zeit war nie ihr Feind gewesen. Der Feind hat einen anderen Namen, den sie nicht nennen will, denn bereits das Aussprechen seines Namens kann ihn zum Kampf reizen. Ein Augenblick der Ruhe ihrerseits oder eine kleine Unaufmerksamkeit öffnen ihm das Tor zu seinem Kampfplatz. Dann betritt er die Arena, überzieht ihren Körper mit Krieg und legt Brand in den Feldern ihrer Seele.

Am Anfang kam es vor, daß sie ihn nicht sogleich erkannte und deshalb unvorbereitet war. Oder, ein verheerender Irrtum, einen harmlosen Gegner vermutete. Dann war der Kampf kurz, und sie blieb mit zerschmetterten Knochen auf dem Schlachtfeld liegen.

Selten, aber es geschah hin und wieder, so wie heute, da kam jemand, der nahm ein kleines Gefäß, öffnete es und lies daraus etwas in ihre Wunden rieseln. Dann half ihr die Zeit wie eine Verbündete, denn in dem Maße, wie sich der Schmerz ausbreitete, zog sie sich zusammen, bis Vergangenheit und Zukunft an einem Punkt im Jetzt zusammentrafen. Das war der Zeitpunkt ihrer Erlösung. Ein Akt der Gnade, den ihr die Zeit gewährte. Sie wurde aus sich selbst verstoßen und einer anderen Sphäre anheim gegeben, in welcher der Feind keine Macht über sie hatte. Nun konnte sie ihn in Ruhe betrachten. Er war nicht mehr als ein Zeichen. Eine Schrift, die langsam verblasste. Sie verstand nicht, wie ihr etwas derart Einfaches so gefährlich sein konnte. Das Unaussprechliche ballte sich zu einem Laut in ihrer Kehle, und mit einem langen Schrei spie sie ihn aus sich heraus. Da lag es vor ihr auf dem Boden und zerfiel langsam zu Staub.

Sie lauschte. Da war nichts. Außer der Zeit, welche langsam den Raum füllte, den Staub auf dem Boden übersah und ihren Körper bis an seine Ränder einnahm.

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